Die Stedingsehre

Ein geschichtsträchtiger Ort

Aus Anlass des 700. Jahrestages der Stedingerkämpfe verfasste der niederdeutsche Dichter August Hinrichs 1934 das Theaterstück „De Stedinge“, das an die Schlacht bei Altenesch im Jahr 1234 erinnern sollte. In Altenesch beschloss der damalige NS-Gauleiter Carl Röver, im Oldenburger Land eine monumentale Freilichtbühne mit angrenzendem Kulissendorf zu errichten, um das Stück zwischen 1935 und 1937 aufführen zu lassen. Als Standort wählte er den Bookholzberg aus, der einen weiten Blick in die Wesermarsch ermöglichte. In Anlehnung an das Theaterstück erhielt das Freilichttheater schließlich den Beinamen „Stedingsehre“.

Das Kulissendorf – nach einem Entwurf des Bühnenarchitekten Reimann – soll das Dorf Altenesch darstellen, in dessen Nachbarschaft die freien Bauern, die sich Stedinger nannten, von den Bremer und Oldenburger Bischöfen im Jahr 1234 blutig unterworfen wurden. Das Dorf bestand aus zahlreichen Fachwerkhäusern, einer massiven Kirche (mit Beton im Inneren, außen verkleidet mit Feldsteinen), einem umlaufenden Wassergraben und einem Deich mit Sielöffnung und Sielhaus.

Die Wahl des Ortes begründete man damit, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen von der Tribüne über das Kulissendorf hinwegblicken konnten und im Hintergrund, auf der Niederung der Wesermarsch, das tatsächliche Altenesch – als eigentlicher Ort der Handlung des Theaterstücks – zu sehen war. In Bookholzberg bzw. auf dem Bookholzberg entstand somit eine gekonnt inszenierte Symbiose von Theaterfiktion und Realität.

Plakat "De Stedinge" - Quelle www.neundorfer-ulf.de

Werbeplakat

Am 29. Oktober 1934 erfolgte die Grundsteinlegung der Anlage, am 14. Juli 1935 dann die Einweihung. Die Aufführungen von Hinrichs’ Stück, dem „Spiel vom Untergang eines Volkes“, wurden zum Massenspektakel. Nach Recherchen von Dr. Gerhard Kaldewei, ehemals Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur in Delmenhorst, wurde es in der Spielzeit 1935 etwa 80 000, in der zweiten Saison im Jahr 1937 dann 150 000 Menschen gezeigt. In diesem Jahr wurden die Aufführungen beendet. Die Idealisierung des deutschen Bauern passte nicht mehr in die nationalsozialistische Ideologie.
Die Veranstaltung wurde von Nazi-Parteigrößen auch „Oberammergau des Nordens“ genannt. Im Amphitheater ähnlichen Halbrund fanden rund 10.000 Personen pro Vorstellung Platz.

Die Stedingsehre diente den Nazis zudem als Lokation für Massenkundgebungen, und es sollte auch eine parteiinterne „NS-Gauschulungsburg“ eingerichtet werden, zu der es jedoch nicht gekommen ist. Zuletzt wurde auf dem Gelände 1939 in Anwesenheit des Reichsleiters Alfred Rosenberg eine Sonnenwendfeier veranstaltet.

1943 zerstörte eine Fliegerbombe die Kirche, das Logierhaus ist abgebrannt, die restlichen Gebäude sind noch heute erhalten und beherbergen derzeit u.a. eine Einrichtung des Berufsförderungswerks (bfw) Weser-Ems, der ehemaligen Landesversehrtenschule. Nach dem zweiten Weltkrieg fanden auf der Anlage unter anderem große Musikveranstaltungen statt. In den 1970er-Jahren wurden auch Theatervorstellungen für die Schulen der Gemeinde Ganderkesee angeboten, u.a. das Stück „Pipi Langstrumpf“.

Stedingsehre Collage

Collage der vollständigen Anlage (Postkartenmotiv) mit einem aktuellen Foto. Der rote Punkt zeigt in etwa den Standpunkt des Fotografen. Rechts im Bild ist das Sielhaus mit der Brücke gut zu sehen.

Die Freilichtbühne „Stedingsehre gilt als wichtiges Zeugnis der Geschichte. Von daher steht die Anlage heute unter Denkmalschutz. Das malerische Fachwerkdorf mit seinen reetgedeckten Häusern ist für Besucher frei zugänglich, der Zugang zur Freilichttribüne ist jedoch verschlossen. Diese befindet sich derzeit leider in einem desolaten Zustand und wird von Ziegen bevölkert, die immerhin den starken Wuchs von Unkräutern und Sträuchern eindämmen.

Fotos

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